| Ein Auge für Harvard. Ein Interview mit Robert Creeley | aus: SUBH 30
Interview |
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Für
ein Jahr habe ich in Calgary gelebt, einer Millionenstadt, deren
Einwohnerzahl sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt hat. Der Grund: Öl.
Calgary wird auch das Dallas des Nordens genannt - auch wegen der
Cowboymentalität. Man kommt also wegen den Jobs in die Rocky-Mountain
Stadt, und alle Jobs hängen am Öl (in jeder Klitschenkneipe mit
Fernsehern läuft auf einem Kanal der Petro-Aktien-Index durch, der
Barrell-Preis ist täglich auf Seite 1). Ebenso beginnt mit Calgary der
sogenannte Bible-Belt. Petrodollar und Cowboys zwischen Kirchen und
Tempeln: das ist Calgary, und das beherrscht den Alltag der Reichen und
Obdachlosen, die konservative Stadtpolitik und die Kultur, die man suchen
muß. Das aber lohnt sich, denn das, was es gibt, läßt sich wirklich mit
dem Besten aus anderen Großstädten ‘messen’. Ein wichtiger
Eckpfeiler der Stadtkultur ist der Stadtschreiber, der jedes Jahr
wechselt. Er residiert in einem kleinen Büro in der Universität, kann
dort Veranstaltungen organisieren oder schreiben, und steht ständig der
Öffentlichkeit zur Verfügung! In meinem Calgary-Jahr hieß er Peter
Oliva, ein Canadischer Roman-Autor, in der Vergangenheit war es auch
Robert Creeley.
-thorsten
nesch- Ein Auge für Harvard
Ein
Interview mit Robert Creeley. Das Interview führten Theresa Smalec und
Doug Steedman. Erstveröffentlicht in dem Canadischen Literatur-Magazin filling
station (fs). Übersetzt und überarbeitet von Thorsten Nesch.
fs/SUBH:
Der schriftstellerische Hauptaugenmerk deiner Rolle als Stadtschreiber Calgary’s im Markin-Flanagan
Programm lag auf deiner ‘Poetik der Person’. Könntest du beschreiben,
was du unter einer Person, einer Persönlichkeit verstehst,
beziehungsweise wie sie sich Deine in Deiner Literatur
wiederfindet?
Creeley:
Möglicherweise aufgrund meiner unbeständigen Kindheit. Mein Vater starb
als ich 4 Jahre alt war, daheim veränderte sich alles, plötzlich galten
andere Maßstäbe, meine Mutter mußte wieder als Krankenschwester
arbeiten. Ich fühlte mich hin- und hergerissen. Erst war ich der Sohn
eines Doktors, und dann der einer allein erziehenden Mutter in einer
Kleinstadt in New England. Und wie gesagt, mit meinen 4 Jahren hatte ich
Probleme, das alles zu verstehen. Die Situation ließ einen merkwürdigen
Riß in mir zurück, eine unterbrochene Verbindung, wahrscheinlich für
immer.
Später verlor ich mein Auge, und das unterschied mich in einem
weiteren Punkt von anderen - als spräche ich eine Sprache, die nicht
jeder versteht. Ich unterschied mich nicht nur äußerlich, sondern auch
innerlich, auf einer emotionalen und sozialen Ebene. Doch nur durch mein
verlorenes Auge konnte ich mir eine Ausbildung in Harvard finanzieren,
durch das Geld aus der Versicherung, ein Auge für Harvard sozusagen.
Aus diesen schwierigen Umständen folgte, wie der Tag der Nacht, daß
ich mich von einem frühen Zeitpunkt an für das interessierte, wodurch
eine Persönlichkeit geprägt oder eingenommen wird, was überhaupt eine
Persönlichkeit ist, und wie sie so wird. Ebenso stellte ich mir die
Frage, wie ich aus mir herauskommen könnte. Das Außen weckte stets meine
Neugierde. Und wie gelangte man in diese Welt, oder wie Olson sagt „wie
kommt man in die Welt“. Wie macht man das? Gibt es da ein Programm für?
Oder wird man einfach ausgerüstet, mit einem Fallschirm und abgeworfen,
wodurch man im Grunde genommen genau
so dort ankommt wie vor seinem Aufbruch? Der Verstand ist wie ein Bett,
stets gemacht, sozusagen.
fs/SUBH:
Auf welche Art und Weise hat das puritanische Element deiner Umwelt dich
in deiner Schreibe beeinflußt? Wie hast du auf den Puritanismus
schriftstellerisch reagiert?
Creeley:
Alle meine späteren Texte sind verschiedene Reaktionen auf... eine Art
Puritanismus in einem Kontext. Ich bin Puritaner, aber nicht im positiven
Sinn. Ich glaube nicht an so etwas wie einen positiven Puritanismus. John
Cage hat da diese wunderbare Geschichte über seine Mutter, eigentlich ist
es eine traurige: Nachdem sein Vater starb, und seine Mutter um ihn
trauerte, da schlug John ihr vor auf die Reise mit ihren Freundinnen zu
gehen, von der sie schon so oft gesprochen hatten, und er meinte, nun wäre
die richtige Zeit dazu, und sie würde es schon mögen, ihren Spaß daran
haben. Sie erwiderte „Weißt du John, ich hatte nie Spaß an der
Freude“, ein typischer Charakterzug New Englands. Naja, und dann wieder
auch nicht, denn New England ist ja ein Mischmasch aus Kulturen, daß es
absurd wäre zu pauschalisieren. Aber es ist so der Eindruck, den
beispielsweise Hawthorne’s The
Scarlett Letter gibt, das New England, das durch seine eigene
Zusammensetzung verwirrt ist. Es ist das New England, das mit einer
seltsamen Rechtschaffenheit die Urbevölkerung abschlachtete; es ist ein
New England des außerordentlichen... Nicht-Widerstandes. Anders ausgedrückt:
das New England der absoluten Abstraktion. Das lag immer in meinem
Interesse, nicht in irgendeinem literarischen, aber in einem
praktisch-sozial-emotionalen, einen persönlichen Weg meines eigenen
Lebens. Wie wird man wirklich? Wie kommt man aus sich heraus?
fs/SUBH:
Dichter scheinen alle einem zweiten Beruf nachgehen zu müssen,
Akademiker, Hundefänger... was auch immer. Wie siehst du die soziale
Rolle des Dichters unter Beachtung der oft doppelten beruflichen
Belastung?
Creeley:
Dichter zu sein, ist eine soziale Rolle, aber es scheint keine Wichtigkeit
zu haben. Ein Freund von mir, ein Bildhauer, ziemlich erfolgreich, sagte
mal „Bob, Dichter sind wie Mundharmonikaspieler, beides ist großartig,
aber es gibt keinen Bedarf dafür“. Oder anders, in unserer sozialen
Umwelt, scheint es, in der Definition von Beschäftigung... keine Arbeit für
Dichter zu geben! Also muß er es irgendwie anders zu Wege bringen zu überleben.
Noch nicht einmal unbedingt zum Überleben in einer Art Verzweiflung,
sondern wie kann ein Dichter es schaffen, sein Leben an sich zusammen zu
halten? Und es gibt viele Möglichkeiten. Manche Dichter sind glücklicherweise
reich geboren. Andere arbeiten als Lehrer oder sonst etwas.
fs/SUBH:
Deine Gedichte beschwören eine Unmittelbarkeit zwischen Leser und
Sprache; du vermeidest Beschreibungen, vermeidest den Leser aus dem
Gedicht heraus zu führen. Ist das dein Weg, einen lyrischen Sinn aus
einem für sich stehenden Subjekt zu kitzeln, ohne irgendeine
Selbstdefinition?
Creeley:
Ich weiß nicht, wie bewußt es mir war, aber es wird zu einer Gewohnheit,
so als wenn man sagt, „Glaubst du der Mantel steht mir?“ oder „Was hältst
von meinem neuen Haarschnitt?“ oder „Liebst du mich?“ oder „Was
meinst du, regnet es heute noch?“, was ja alles keine unnützen Fragen
sind. Es sind bescheidene Versuche mit der Außenwelt in Kontakt zu
treten, ein trauriges Appellieren an eine Antwort, einfach etwas zu sagen.
„Sag etwas!“ Der Wunsch eines mitgeteilten Sinns von außen. „Ich
bin hier“, wie manche sagen. Das Dilemma ist natürlich, daß wenn sich
jemand einer vorschreibenden Autorität erdreistet, dann handelt es sich
um eine äußerst reduzierte Art von Kommunikation. Wenn alles, was ich
sagen möchte, ist: „JETZT HÖR MAL HER...DU BIST JETZT DIES, DAS UND
JENES“, das ist das Ende von allem. Nachrichtenende! Das würde
niemanden Platz lassen überhaupt nur zu sein. Es gibt einen steten
Versuch Dinge zu sagen, in einer Situation, die dem Leser oder Zuhörer
einen Sinn abverlangt, enter, mach eine Entscheidung. Ich wünsch mir diese Art von Übereinstimmung
von einer anderen Person. Ein Selbstgespräch, offensichtlich.
fs/SUBH:
Wie hast du deine Schreibtechnik entwickelt?
Creeley:
Ich wollte, daß alles in Bewegung bleibt. Ist die Spannung stabil, dann
ist es schwer sich noch vorwärts zu bewegen. Trägheit... Eine Möglichkeit
war der syntaktische Zeilenumbruch an ungewöhnlichen Stellen, wo es
niemand erwartet. Das habe ich von Williams. Es wurde zu einer Gewohnheit.
Gerade erst über die letzten
Tage war ich in Buffalo, in einer netten Runde mit Examensstudenten. Ich
war fasziniert von einem Computerprogramm, das sich Monologue
nennt, ein Programm mit einer Lese-Funktion für Soundboards, pro-audio spectrum 16. Dieses Programm liest dir laut deinen DOS
Text vor, Gedichte, einfach alles. Ich spielte den Studenten einige meiner
Gedichte vor, die von dieser Stimme gelesen wurden. Ich war hocherfreut,
konnte es doch zwei Dinge: zum einen den ganzen Text in einem lesen, ohne
Zeilenumbrüche nur mit der normalen Interpunktion, und zum anderen las es
meine Gedichte mit Pausen an den Enden jeder Zeile. Ich benutzte die
zweite Funktion, und der Computer las meine Gedichte sehr gut! Okay, die
Stimme hatte einen seltsamen Akzent, aber Geschwindigkeit, Rhythmus und
Betonung entsprachen absolut dem, was ich in meinem Kopf hörte. Dies war
eine eigentümliche Verbildlichung dessen, was ansonsten nur in meinem
Kopf abgeht. Erschreckend auch irgendwie, schließlich war alles
mechanisch, eine total mechanische Stimme, aber wieder auch eine, die ich
erkannte, weil sie in meinem eigenen Rhythmus und Betonung las.
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