Rezension Spezial

Stefan Heuer

Die Flügel der letzten Kastanie

Edition Thaleia, 2006

138 Seiten, EUR 13,-

 

Stefan Heuer, mir bekannt durch seine Lyrikbände und die eine oder andere veröffentlichte Kurzgeschichte, legt mit „Die Flügel der letzten Kastanie“ eine Novelle, von der Länge her ein Mittelding zwischen Kurzgeschichte und Roman,  vor. Sollte Heuer seine Strategie beibehalten, dürfte wohl demnächst der erste Roman folgen. 

  „Die Flügel der letzten Kastanie“ ist beinahe, aber nicht ganz, eine Genre-Erzählung. Sie beinhaltet einige Elemente der Phantastik, ist teilweise aber auch wie eine „ganz normale“ Mainstream-Geschichte aufgebaut.

  Ähnlich wie Kafkas Gregor Samsa erwacht der Hauptprotagonist eines Morgens und ist stumm.

  Kein Laut kommt ihm mehr über die Lippen. Heuer setzt diesen Verlust der Stimme mit einem Verlust der Sprache gleich: Darüber ließe sich durchaus diskutieren. Eigentlich ist der Protagonist noch im Besitz der Sprache, er kann aber nicht mehr sprechen. Damit ist ihm das wohl wichtigste Instrument zur Kommunikation genommen. Für die Anderen, Außenstehenden, ist er dadurch „sprachlos“.

  Was ist da mit mir geschehen, fragt sich der Hauptprotagonist, und nachdem er die Tatsache des Verstummens akzeptiert hat, sucht er einen Arzt auf. Dieser verweist ihn an einen anderen Arzt, der allerdings erst die nächste Woche wieder aus dem Urlaub zurück ist.

  Ziellos geht er durch die Gassen. Er wird Zeuge eines Überfalls, stellt den Handtaschendieb, wird aber selbst als Dieb bezichtigt. Auf der Flucht verläuft er sich „im Labyrinth der Nebenstraßen“ der Stadt, in der er seit zwanzig Jahren wohnt.

  Er beschließt, seine ehemalige Freundin aufzusuchen, bei ihr unterzukriechen.

  Auf dem Irrweg dorthin, begegnet er einem alten Mann, „Ich bin hier die letzte Kastanie“, sagt dieser und verschwindet.

  Kurz darauf gerät der Protagonist in den Besitz eines Skriptes des alten Mannes, das er in der Wohnung seiner ehemaligen Freundin wie gebannt liest.

  Nachts, unter einer Brücke, trifft er wieder mit dem alten Mann zusammen:

  „... Du bist gekommen, um die letzten Sätze zu hören. Und Du sollst sie hören, als erster und letzter...“, formuliert dieser kryptisch...

  Soviel zum linearen Handlungsstrang. Parallel hierzu erhält der Leser mehr oder weniger versteckte Hinweise darauf, daß mit dem Protagonisten etwas, salopp gesagt, nicht ganz in Ordnung ist.

  Was das ist, soll hier nicht genauer ausgeführt werden. Soviel aber sei gesagt: Es erinnert ein wenig an den „Clou“ im Roman „Der Felsen des zweiten Todes“ von William Golding.

  Die Geschichte ist spannend erzählt. Heuer geht routiniert mit der Sprache um, schafft es, den Leser einzuwickeln, ihn mit auf die Reise zu nehmen. Immer wieder kann man gelungene Bilder entdecken, mit denen Heuer eine sehr dichte Atmosphäre schafft. Ab und an vermeint man beim Lesen fast, seinen eigenen Atem zu hören.

  Einziges Manko: Der Schluß ist meiner Meinung nach zu „offen“. Hier hätte ich mir hier etwas mehr Führung gewünscht. Es scheint Heuer ein wenig die Kraft ausgegangen, seiner mitreißende Erzählung auch noch die Krone aufzusetzen.

  Wenngleich also nicht ganz „adelig“, so ist „Die Flügel der letzten Kastanie“ über weite Strecken packende Literatur. Daumen nach oben.

 

Thomas Schweisthal    

 

 

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