Björn Ludwig: Erwachen im Gipsbett aus: Björn Ludwig - Halbseidene Helden

 

Er, Adolfo Morente, erwachte am späten Nachmittag und war völlig in Gips. Adolfo Morente war ein berühmter Mann, was ihm im Moment wenig nützte. Die Methoden wurden ja auch immer gemeiner. Erst hatten sie ihm eine Spritze verpaßt, und dann - als er hilflos war wie ein Säugling - ganz und gar eingepackt in dieses schmierige weiße Zeugs. Jetzt war das weiße Zeugs steinhart, und er völlig bewegungsunfähig.

Langsam kam er zu sich. Im Kopf war er aber noch so dumpf, daß er sich über das ganze Ausmaß der Katastrophe, in der er regelrecht steckte, noch gar nicht im klaren war. (Die Art der Betäubung, die Dosis, war einer Einschläferung sehr nahe gekommen).

Adolfo Morente war überfallen worden. Drei Männer fuhren vor, am helligten Tag, mit einem als Umzugswagen getarnten LKW. Während der Fahrer sitzen bleibt und ganz lässig über einem ausgebreiteten Stadtplan hängt, steuern seine beiden Kollegen arbeitseifrig das Haus von Morente an, klingeln, und schauen freundlich durch den Spion. In schicken grünen Firmenoveralls, sportlich, höflich, nett. Morente indes ist überzeugt von der Harmlosigkeit der Männer, öffnet die Tür, weil er glaubt, einen Irrtum aufklären zu müssen, und schon sind die Männer unwiederbringlich in seinem Haus.

Von gegenüber hatte kein Mensch sehen können, daß Morente nicht ganz freiwillig den Männern Einlaß gewährte, denn vor dem Haus Morentes´ stand ja der alle Sicht verdeckende große Laster mit Hänger. Wenn es überhaupt jemand in diesem betuchten Viertel für nötig befunden hatte, zu schauen, dann hatte es vielleicht geheißen - Seht mal, der Morente bekommt schon wieder neue Möbel - oder (bei näherem Hinsehen), - Ach Gott, ich glaub, der Morente zieht aus - die schaffen ja all seine Möbel raus! –

Und wahrhaftig, das taten sie. Nichts, was nicht niet- und nagelfest war, blieb im Haus: All die Möbel - meist Mahagoni - die handgewebten Perserteppiche, den Flügel, ja das Aquarium, hatten sie ihm genommen! Und dann das Besteck und die Münzen und die Briefmarken. Das Schlimmste aber war, daß sie auch an all die schönen teuren Bilder gedacht hatten. Die Männer hatten eben Zeit mitgebracht. Sie waren gewissermaßen offiziell dort.

Eine Stunde lang schwitzten und machten sie, ohne das geringste Aufsehen erregt zu haben. Vormittags war es in dieser Gegend ohnehin ruhig - keiner kam oder ging oder fragte neugierig nach etwas. Und der Fahrer studierte seelenruhig weiter den großen Stadtplan, rauchte hin und wieder, oder schaute seinen Komplizen bei ihrer schweren Arbeit zu.

Er war ohne Frage der Kopf der Bande.

Erst als die Männer mit ihrer schweißtreibenden Arbeit fertig waren, als also nichts mehr von Wert dort entwendbar war, war es für ihn an der Zeit, das Haus zu betreten. Nun ging es nämlich ans Eingemachte, ans Bare, vielmehr, es sollte.

Der Chef hatte Morente schwer atmend auf seinen nackten Wohnzimmerdielen vorgefunden. Er lag auf dem Bauch, Hände und Füße gefesselt, den Mund zugeklebt - die herkömmliche Masche also. Die Männer hatten ganze Arbeit geleistet. Mit Morente hatten sie es allerdings auch nicht schwergehabt. Als sie in das Haus eingedrungen waren, ging er schon beim ersten Schlag zu Boden, und blieb dort auch freiwillig liegen. Schläge lagen ihm nicht. Wem liegendie schon. Jedenfalls kannte Morente Schläge nur von seinen Filmen, und wenn es da einmalwirklich brenzlig wurde, doubelten sie ihn eh...Unter Androhung weiterer Schläge und schlimmeren Dingen als Schlägen, hatte er ihnen dann auch dabei geholfen, die Alarmanlage auszuschalten, der Bilder wegen, versteht sich. Es war bis dahin also alles so gelaufen, wie die Gangster sich das gedacht hatten. Aber danngeschah das Undenkbare - Morente hatte keinen Zaster im Haus. Das konnten sie nicht begreifen. Wie war es nur möglich - Großmaul Morente und keine Piepen greifbar!

Die Männer bekamen lange Gesichter. Vielleicht hatten sie ihn deshalb anschließend in Gipsgelegt, aus Wut, oder sie hatten es ohnehin vorgehabt, einfach so, aus Neid, Mißgunst, Haß,Perversion oder Grausamkeit, wer weiß das schon. Die Drei versuchten auch erst gar nicht, eventuelle Geldverstecke aus ihm herauszuprügeln, denn Morente hatte davor so gut mit ihnen kooperiert, was sollte er da also jetzt kneifen, wo es ans lächerliche Geld ging. Nacheinigen wenigen nicht ganz ernst gemeinten Schlägen und Tritten gaben sie es auf, denn sie wußten nur zu gut, daß Morente am liebsten die nicht vorhandenen Scheine herbeigezaubert hätte, nur um der Prügel zu entgehen.

Dann hatten sie fachmännisch dagestanden, alle drei, und über das weitere Schicksal des Überfallenen diskutiert:

- Also, nun geben wir ihm schon den Rest - was soll´s! -

- Find ich auch. Guck dir nur mal sein Schweinegesicht an - der hat sich´s doch lange genug gut gehen lassen. Legen wir ihn um! -

(Das war die Meinung der beiden Arbeiter).

- Also Freunde, nun mal langsam. Ich bin ja ganz eurer Meinung, aber ich finde, er hat was besonderes verdient... -

(Der Boss, ein durchtriebener, gefühlloser Knabe).

- ... das wäre doch genau das richtige für unseren kleinen Kolleriker, hm? -

- Seht mal, wie puterrot der anläuft! Jetzt wird die Mistsau wohl böse, was! -

- Quatsch, der ist nicht böse, der hat Todesangst, und jetzt kriegt er Schwallungen, unser Filmheld! -

Das stimmte. Morente hatte tatsächlich Todesangst.

Er hatte bibbernd zu Füßen der Männer gelegen und inständig gehofft, das Gespräch könnte vielleicht doch noch eine verheißungsvollere Wendung nehmen. Eine vergebliche Hoffnung, denn der Wahnsinn lag blank an diesem Vormittag. Er schwebte greifbar undschwer über den Köpfen seiner Peiniger.

- Gut. Ihr wißt also Bescheid. Dann geht jetzt mal das Zeug holen. Ich bereite schon mal die Spritze vor. -

- Ooooh, das wird ein Spaß! -

- Und `ne gute Schlagzeile! -

- Und `n noch besseres Foto! Sag mal, hast du auch die Kamera dabei...? -

- MMMMMMMHHHHHHH ! -

- Schnauze, Drecksack, sonst gibt´s `ne andere Betäubung für dich! -

- Jaaaa, dann gibt´s ordentlich was auf die gepuderte Fresse! -

Die beiden Helfer waren freudig erregt aus dem Haus gelaufen, der Chef nestelte in grausamer Gelassenheit an der Betäubungsspritze herum, und Morente machte noch einmal MMMMMMHHHHH !!!

- Iss ja gut, iss ja gut, gleich gibt´s was Feines, dann wirst du für ´ne Weile weg sein... -

Die Männer mochten jetzt schon sechs oder sieben, vielleicht acht Stunden, weg sein. Er wurde klarer und klarer. Nun wußte er, daß er keinen Unfall hatte und auch nicht im Krankenhaus lag. Er lag bei sich zu Hause. Und er lag in der Falle. In einem maß-geschneiderten Sarg.

Wie sah seine Lage eigentlich konkret aus? Nun ja, sie hatten ihn freundlicherweise auf die Wohnzimmercouch gelegt, was dem Ganzen vielleicht noch einen kleinen Anstrich von Würde verlieh. Andererseits - von Würde kann man da eigentlich nicht mehr sprechen, wie er da so lag... Es war eher lächerlich. Furchtbar und lächerlich: Der rechte Arm standweit vom Körper ab. Eingegipst bis zur Achsel, ragte er in einem leichten Winkel bis weit über den Rand der Couch hinaus. Die Männer müssen lange gehalten haben, um diese schwebende Perfektion so hinzubekommen. Wahrscheinlich war es ihnen das wert gewesen. Den linken Arm hatten sie steil über den eingegipsten Kopf gelegt, so daß er vehement – wie beim sich Räkeln - den Gipskörper in gerade Linie verlängerte. Die verhärtete Konstellationseiner Arme hatte nun etwas derart theatralisches, daß der Eindruck einer wilden Verzweiflung, eines letzten Aufbäumens (seht alle her, ich bin der berühmte Schauspieler Adolfo Morente und ich krepiere!) entstand. Und so war es wohl auch gemeint.

Kommen wir zu dem Rest. Der Rest ist einfach erklärt. Damit hatten sie sich nicht ganz so viel Mühe gemacht. Vielleicht, weil etwas Unvorhergesehenes dazwischen gekommen war. Jedenfalls, den Rest hatten sie einfach mit einer ganzen Stange vom faserigen Binde-material eingewickelt, und dann mächtig viel Gips raufgepanscht. Von den Armen einmal- 3 -abgesehen, hatten sie aus ihm schlicht eine lebende Mumie gemacht. Die Beine lagen samt der Füße und Zehen, in einem einzigen Stück, zusammengepappt da. Nur mit dem Hals hatten sie eine kleine Ausnahme gemacht. Den hatten sie freigelassen, um ein vorzeitiges Ersticken, schon während der Narkose, zu vermeiden. Den Kopf hatten sie allerdings nicht ausgespart, ihm aber immerhin zwei kleine Sehschlitze und ein Loch zum Atmen gelassen.

So lag er jetzt da. Konnte in seiner völligen Bewegungsunfähigkeit nur einen kleinen Ausschnitt von der Decke, seiner schönen stuckverzierten Decke, anstarren. Er war allein, ohne eine reelle Chance. Die Verbrecher hatten wohl recht gehabt. Es war vermutlich wirklich die schlimmste Strafe, die man sich für einen explosiven, leicht kollerischen und ständig schwitzenden Mann wie ihn überhaupt ausdenken kann.

Da wir hier von der 'schlimmsten Strafe' sprechen, sei vielleicht noch vorab geklärt, ob Morente irgendetwas Schwerwiegendes verbrochen haben könnte - verbrochen hatte er lediglich das, was hier im Viertel jeder verbrochen hatte, nämlich irgendwie zu viel Geldgekommen zu sein. Und genau das versuchten auch die drei Räuber.

Morente hatte aus seinem Reichtum nie einen Hehl gemacht. Er hatte sogar öffentlich damit geprahlt. Nun jedenfalls hatten sie einen Mann der Öffentlichkeit, einen Mann der Klatschspalten, über den gemunkelt, getratscht und immer viel geredet wurde, eine Persönlichkeit wie ihn, auf das reduziert, was er bei seiner Geburt gewesen ist - eine hilflose, ohne dem Schutze anderer dem Tode hoffnungslos geweihte Kreatur. Sie hatten, darüber hinaus, einen stolzen, kampfeslustigen Hahn, schrumpfen lassen zu einem todesängstlichen, zitternden Wrack in Gips.

Am schlimmsten war jetzt die Aufregung, die ihm in die Glieder fuhr, nachdem sich die nüchterne Erkenntnis, daß seine Lage nahezu aussichtslos war, in einen schweren Schockumwandelte. Vorbei war es nun mit der lieblichen Mattheit, die jeder Betäubung folgt. Sein Organismus arbeitete in sinnloser Raserei, sein Herz pumpte wie bei einem 400 m - Hürden-Sprint, all seine Organe verkrampften sich in zehnfacher Aktivität, seine Muskeln zuckten unkontrolliert gegen ihre grausige Umhüllung, und besonders schnell und schwer ging natürlich sein Atem. Das war lebensgefährlich, ein völliger Kollaps drohte. Zum intensiven Atmen hatte er nämlich gar nicht den nötigen Spielraum! Seine starke Brust drängte bei jedem Atemzug schwer gegen die Umpanzerung, ohne daß sie diese freilich zu sprengen vermochte. Der Gips hatte sich während der Narkose wie eine schwere Decke um ihn geschmiegt, bevor er verhärtete. Das Fatale war, daß seine Atmung während der Narkoseflach gewesen war, nun aber, im Augenblick der Klarheit, tobte das Leben in ihm, und es ist kein Widerspruch, daß gerade dieser Umstand einen raschen Tod hervorrufen konnte. Er hatte das schreckliche Gefühl, jeden Moment vor Angst sterben zu können. Er war nicht in der Lage, seine Angst positiv zu beeinflussen. Es gab einfach keinen Grund dafür. Da gab es nur Panik Panik PANIK !

Er war so verängstigt, daß er seinen Schließmuskel langsam erschlaffen fühlte. Dann sank er in eine tiefe Ohnmacht.

Als er erwachte, erinnerte er sich sofort wieder seiner Situation. Ein ziemlich erstaunlicher Effekt übrigens. Sein Körper hatte nun die erste schwere Hürde genommen. Es bestand zumindest nicht mehr die Gefahr, vor Angst zu sterben. Zwar fühlte er an allen erdenklichen Ecken und Kanten der Rüstung seinen Puls schnell gehen - diese tödliche Impulsivität, mit der sich Körper und Geist anfänglich noch so vergeblich gegen die mißlichen Umstände zuwehren suchten, war jedoch Gott sei Dank verschwunden. Demzufolge ging nun auch sein Atem wieder ruhiger. Die Ohnmacht hatte ihn zu seinen Gunsten geschwächt.

Es war ziemlich dunkel geworden. Er muß recht lange bewußtlos gewesen sein. Warum war er wohl überhaupt wieder zu sich gekommen, fragte er sich, halb resignierend, halb hoffend. War es eine gütige Entscheidung Gottes, hatte man ihm eine letzte Chance geben wollen, oder war es bloß ein böser Spuk, der das Sterben nur verlängern sollte - er sah, wie die stuckver-zierte Decke über ihn in lange Schatten fiel. Es dunkelte zusehens. Den nächsten Morgen, da war er sich sicher, würde er unter diesen Umständen wohl nicht mehr erleben. Aus vielerlei Gründen nicht. Es mußte also vorher etwas geschehen. Ein schwacher, durch nichts bestätigter Hoffnungsschimmer flammte kurz in ihm auf. Dann begann er zum ersten Mal, sich mit seinem Körper gegen die Innenschale seines Gipskleides zu pressen und zu stemmen, indem er sich mit Luft aufblähte, die Luft wieder herausließ, oder seine Muskeln so gut es ging anspannte, lockerte, den Bauch einzog, um ihn dann mit voller Wucht gegen die Umschalung peitschen zu lassen... Anfangs tat er das nur, um den beginnenden Juckreiz einzudämmen. Doch dann stellte er fest, daß durch sein starkes Schwitzen der Gips innen schon derart durchfeuchtet war, daß er sich auch ein wenig darin winden konnte mit seinen Gliedmaßen. Sicher, überall stieß er auf bestehende Grenzen, so daß er beispielsweise seine Beine nicht drehen konnte, da ihm dafür der Spielraum vorne, bei den dicht eingewickelten Füßen, fehlte. Außerdem konnte er sie natürlich nicht heben, da er dazu im Hüftbereich Freiraum hätte haben müssen. Wenn er sich aber so wand, nach links, nach rechts, diametral, vor und zurück, dann machte er zumindest hier und da einige Millimeterchen gut, so daß die Haut, wenn es auch nicht viel nützte, wenigstens an einigen Stellen etwas mehr Platz zum Atmen hatte. Auch bediente er sich nun seiner gewissen Wendemöglichkeiten im Halsbereich, der ja freigeblieben war. Er drehte seinen Kopf nach links, dem Couchtisch zu, wo zig-durcheinandergewürfelte, fröhliche Zeitschriften sich tummelten, dann nach rechts, hin zur nackten Couchlehne, wieder nach links...schließlich stemmte er den Kopf nach oben, was allerdings sehr auf die Nackenmuskulatur ging, da sein eingegipster Kopf sehr schwer geworden war. Er ließ es lieber bleiben, es brachte nichts ein. Auch das Drehen des Kopfes nicht, außer Schwindel. Und das andere war auf die Dauer zu anstrengend. Er keuchte schon, das durfte nicht sein. Er fühlte auch, wie er schwächer wurde, immer schwächer, und einen neuerlichen Ohnmachtsanfall wollte er auf keinen Fall provozieren, zumal er dann kaum noch Chancen hätte, aus diesem je wieder zu erwachen.

Einen Augenblick lag er still. Da klingelte es! Er hörte ganz schwach die Hausschelleertönen (auch die Ohren zu bedecken hatte man nicht vergessen). Um Himmels Willen, das konnte nur Rettung bedeuten! Da stand jemand vor der Haustüre und wollte hinein, und jetzt galt es, ganz rasch etwas zu tun!

Das einzige, was er tun konnte, war natürlich "AAAHHH!" zu brüllen, und "HILFE!HILFE!", und dann noch einmal "AAAHHH!"

Ohne das etwas entscheidendes geschah, wurde nur noch einmal geklingelt, und dann noch einmal. Morente schrie wieder wie am Spieß, ließ es bleiben, schrie ein letztes Mal, horchte dann, hörte dann aber nichts mehr. Nur sein eigenes Herz, das jetzt wieder wie wild zu schlagen begann. Er schrie nicht mehr. Derjenige, welcher draußen gestanden hatte, mußte ihn ja längst gehört haben und war nun sicher gerade dabei, die Polizei oder die Feuerwehr zu benachrichtigen, oder sonst irgendjemanden, der ihn da rausholen konnte. Er schrie aber auch aus dem Grunde nicht weiter, weil er befürchtete, sein nächster Schrei könnte durchaus sein letzter sein. Er hatte ein starkes Herz, oh doch, es mußte ja stark sein, denn es hatte Aufregung genug verkraften müssen während seiner langen Karriere. Aber dahatte er sich auch immer frei bewegen können...

Nun war er ja gerettet, was sollte er da also durch sinnloses Gebrüll wohlmöglich noch einen Herzinfarkt riskieren.

Er hatte nicht hören können, wie draußen jemand lachte und kopfschüttelnd davonlief. Dahatte er es nun. Überall hatte man ja schon von seinem aufbrausenden Wesen gehört, welches auch bei den Dreharbeiten - öfter als allen lieb war - zur Geltung kam. Jeder kannte diese Ausbrüche. Sprüche wie - Hilfe - ich bin von Dilettanten umgeben ! - oder - Hilfe - ich drehe noch durch ! - waren bei Morente absolut keine Seltenheit. Was war da ein echter Hilferuf noch wert? - Wer auch immer da draußen gestanden hatte, muß ihn einigermaßen gut gekannt haben...

Morentes Rettungshoffnung jedoch blieb noch geraume Zeit ungetrübt. Das einzige, was er nun seiner Meinung nach noch zu tun hatte, war still dazuliegen und sich zu beruhigen. Zeit kann man ja unter solchen Umständen nicht über sechzig Sekunden die Minute definieren, will sagen, daß es für ihn mehr als tatsächlich nur zehn Minuten waren, da er voll Hoffnung war. Da er ansonsten auch ein recht positiver Mensch war, und an das Gute im Menschen glaubte, hielt er während dieser sehr langen Zeit auch beständig den Gedanken aufrecht, es könne sich eigentlich nur noch um Augenblicke handeln, bis man ihn endlich befreite. Se-kündlich rechnete er mit den ersten erlösenden Axthieben draußen an der Tür, mit dem Schlüsseldienst, oder anderen guten Seelen...

Jäh erschlaffte seine Hoffnung, als er durch den dicken Gips hindurch das vielversprechende Sirenengeheul einer Ambulanz erst sich nähern-, und dann sich immer weiter entfernen hörte. Da begriff er endlich, daß nicht er gemeint war, daß er gar keine Hilfe erhalten würde, daß er sich schließlich einem faulen Trugschluß hingegeben hatte...

- Was für eine unmenschliche Welt ! - stellte er bitter fest.

Kurz bedauerte er nun, daß er Junggeselle war. Nicht, daß er mit diesem Dasein an sich unzufrieden war. Er mußte plötzlich nur daran denken, wie es wäre, wenn er jetzt lediglichauf seine Frau warten bräuchte, die einkaufen war und über einen Schlüssel verfügte. Solche Möglichkeiten schieden aber aus. Auch die, daß ihn irgendwer zeitig vermissen könnte. Niemand vermißte ihn so schnell! Das Fatale war, daß gerade äußerst aufwendige Dreharbeiten zu Ende gegangen waren, und jedermann seiner Branche nur zu gut wußte, daß Morente sich zur Erholung in sein Anwesen zurückgezogen hatte und keine Störungen duldete. Es gab also keine einzuhaltenden Termine, demzufolge auch niemanden, der sich aufgrund seines Fernbleibens sorgen könnte. Seine Lage war aussichtslos. Er schaute noch einmal zur Decke, die jetzt ganz dunkel war. Was sollte er jetzt machen? Sollte er sein Leben schon mal Revuepassieren lassen? Er schloß die Augen.

Da fing er plötzlich zu weinen an. Schiere Verzweiflung umgab ihn. Die Tränen kullerten dutzendweise unter seinen Gips. Warum ER - warum nur? Wie ein Kind schluchzte er. Wer würde ihn finden? Wie würde sein grotesker Tod auf die Weltöffentlichkeit wirken, was würde die Presse schreiben, würde es Fotos geben, würde er einen Platz im Wachsfigurenkabinett bekommen...? Ach Gott, war das traurig!

Das Schluchzen riß so plötzlich ab, wie es gekommen war. Stattdessen hüllte sich sein Gemüt nun in eine bodenlose Stumpfheit. Mechanisch drehte er seinen Kopf nach links,über den Rand der Couch. Sein weißes Telefon blinkte ihn durch die Dunkelheit an. Dashatten sie natürlich abgestellt, sonst hätte ja schon längst jemand angerufen. Er wundertesich bloß, wieso sie das gleiche nicht mit der Hausschelle gemacht hatten. Er wand seinenKopf wieder aus der seitlichen Stellung, welche zu anstrengend war, sah wieder zur Decke,schloß dann die Augen erneut. Nun geschah etwas, das wie ein Wunder anmutete: Irgend-eine gütige Kraft erbarmte sich seiner und ließ ihn in einen tiefen Schlummer sinken.

Geweckt wurde er durch Telefongebimmel. Nein nein, das war ja nicht möglich, das waren ja zwei Unmöglichkeiten zugleich! Sein Anrufbeantworter! Ach ja, den muß er wohl vergessen haben anzuschließen - und dann diese Stümper! Daß sie das Telefon vergessen haben, das waren ja Stümper! Beim ersten Läuten war er schwer verwirrt, wußte nicht mehr, wo er war, beim zweiten Läuten begriff er, und beim dritten Mal war er wacher als wach und wußte, wenn jetzt nicht, dann nie! Er begann also wie irr zu zucken, weil er auf irgendeine erdenkliche Weise von der Couch runterwollte, hin zum Telefon, wie auch immer. Das wilde Rucken und Zucken hatte schließlich bewirkt, daß sein rechter Arm - der, den sie so kunstvoll zu-rechtgemacht hatten - im Schulterbereich etwas aus seiner steifen Verankerung brach, so daß er noch mehr Schwung holen konnte. Vor und zurück, vor und zurück, immer wieder spannte er sich, durch eine Wahnsinnskraft getrieben, so daß er sich tatsächlich einige Zentimeter auf den Rand der Couch zubewegte. Mit dem rechten Arm ruderte er heftigweiter. Inzwischen hatte es fünf oder sechsmal geklingelt, seine Chancen schwanden also. Dennoch machte er ohne Unterlaß weiter, und der Anrufer hatte offensichtlich Geduld.Und da geschah es! Er kippte mit einem letzten verzweifelten Schwung über den Rand der Couch, plumpste krachend herunter und riß in derselben Fallbewegung mit irgendeinem Gipsteil den Hörer vom Apparat. Nun lag der Hörer ausgestreckt auf den Dielen unter dem Couchtisch, wo Morente auch lag und schwer stöhnte.

- Hallo, hallo ? - kam es aus dem Hörer - was war denn das für ein Krach! Hallo.   Hallo ? -

Morente hörte dieses Gestammel natürlich nicht. Er lag bauchlinks auf dem Boden, konnte also nur in die Dielen schreien, doch der Hörer lag ganz in seiner Nähe, was sein verdammtes Glück war. Er schrie:

- HILFE, ICH BIN IN EINER NOTLAGE, ICH BIN ÜBERFALLEN WORDEN,  ICH KANN  SIE NICHT HÖREN, SIE MÜSSEN TUN WAS ICH IHNEN SAGE, BITTE LEGEN SIE  NICHT AUF, BITTE HELFEN SIE MIR, SIE MÜSSEN DIE POLIZEI VERSTÄNDIGEN,  UND DIE FEUERWEHR, ICH KANN MICH NICHT BEWEGEN, DAS MÜSSEN SIE MIR  GLAUBEN, ICH BIN IN GIPS, I C H   S T E R B E !!! –

Das war so überzeugend, daß man am anderen Ende der Leitung förmlich den Tod, den Gips, und die Angst riechen konnte, so daß der Anrufer umgehend die Polizei verständigte und die wiederum die Feuerwehr. Morente wartete noch eine Ewigkeit, keuchte bedrohlich, und erdrohte an dem Blut, das aus seiner durch den Fall angeknacksten Nase lief, zu ersticken, weil das Blut sich in dem Gips staute und nicht frei ablaufen konnte... aber er lebte, als die Retterin sein Haus eindrangen, ihn glucksend am Fuße seiner Couch vorfanden und ihn endlich darausschnitten!

 

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