Axel Klingenberg (Hg.): Maulkörbe. Menschen in ihren Revolten

Leseproben/Einzelbände

 

(...) Der russische Anarchist Kropotkin hatte sechzig Jahre zuvor gesagt, es komme darauf an, die Aufgaben, die der Staat an sich gerissen habe, wieder in Eigenregie zu übernehmen. Der einzelne Mensch im Mittelpunkt. Dezentralisierung. Der Staat, diese allmächtige abstrakte Größe, in den Institutionen konkret sichtbar, hatte sich im Denken und Verhalten der Menschen eingenistet. Er war der Feind. Im Dritten Reich hatte er millionenfachen Tod gebracht hatte. Staat war, was starr war, verkrustet, verpanzert. Es gab Menschen, die dies allgegenwärtige monströse Ding zu ärgern und zu kitzeln versuchten. Gegen den Status Quo der subversive Bohrer. Das System unterkellern! lautete eine Parole. An irgendeiner Stelle das Ungeheuer, das sich als strenger aber guter Vater ausgab, zum Reagieren bringen.

Anritzen, anstechen, anticken, anpinkeln, anstoßen, anbohren, angreifen, attackieren. Schräg von unten. Ankotzen. Ohne Siegchance. Ohnmächtig explodieren. Der Staat war der im Sumpf festgefahrene Karren, auf dem Bürotürme und andere Paläste hochgezogen wurden. Ohne dass die oben noch wussten, was unten passierte. Es ging ums Überleben. Das Verteufelte war, dass man immer Gefahr lief, ein Teil des Apparates zu werden. (...)

Aus: Raimund Samson, Anarcho kaputt in: Axel Klingenberg (Hg.), Maulkörbe

 

(...) Diesen Zustand vermochte auch eine erste Bullenkontrolle nicht zu ändern. Im Gegenteil; endlich ein bisschen Action. Zeit den Joint auszudrücken und die Fresse aufzureißen.

Zwei Kalkmützen lotsten uns mit Hilfe der unverzichtbaren Kelle in eine aus Wannen gebildete Wagenburg. Dort hieß es aussteigen und die Papiere vorzeigen. Ah, das tat gut. Dem Feind Auge in Auge gegenüberzustehen und dabei das Wissen zu besitzen, dass er uns nicht wirklich etwas anhaben konnte. So sehr wir das Gesetz auch ablehnten, seine Vorzüge waren uns in diesem Moment einmal mehr willkommen. Sie gaben uns die Sicherheit, unsere vermeintlichen Gegner mit subtilem Spott zu bedenken.

„Na, geht's nach Brokdorf?“, fragte ein mit mehreren Sternen dekorierter Leitbulle.

„Gott bewahre, Herr Wachtmeister“, gab Spritze zur Antwort. „Mit diesen Terroristen woll'n wir nichts zu tun haben. Wir fahren hoch nach Eutin, zum Golfen.“

„Oh!“, antwortete der Cop mit gespieltem Erstaunen. „Da würde ich ihnen eine andere Route empfehlen. Hier ist alles mit diesen Steineschmeißern verstopft.“

„Sehr freundlich, Kommissar. Aber wir sind weder in Eile noch besonders erpicht auf Geschwindigkeit. Meiner Verlobten hier“, Schmitze wies mit seiner Rechten auf Piroschka, „wird nachgerade schlecht, wenn die Tachonadel die 80 überschreitet.“

„Ja, ich muss ständig kotzen“, mischte sich die vermeintliche Verlobte ein. „Besonders hier draußen, bei dem ganzen verschissenen Grün.“ (...)

Aus: Jan Off, Meine ureigene temporäre Zone in: Axel Klingenberg (Hg.), Maulkörbe

 

(...) Mit dieser Gesellschaftsanalyse hatte sich K. weit aus dem Fenster gelehnt. Im Stillen bedauerte er, dass er keine weiteren Zuhörer als allein diese Angestellte der Behörde ansprach. Noch nie hatte er derartige Gedankengänge offen geäußert. Frau Müller war während seiner Ausführungen sehr unruhig auf ihrem Sessel herumgerutscht. Dann griff sie abrupt zum Telefon und hackte eilig in die Nummerntasten.

„Telefonieren sie ruhig. Holen sie Hilfe herbei!“ höhnte K. „Ich habe mir schon gedacht, dass sie mir nicht gewachsen sind. Wie wird diese Hilfe wohl aussehen, die sie jetzt holen wollen. Ist es ein Schlägertyp oder ein rhetorisch gebildeter Supermann? Wessen Erfüllungsgehilfin sind sie eigentlich? Haben sie darüber schon einmal nachgedacht? Haben sie schon einmal darüber nachgedacht, wen die fleißig werkelnden Maschinen und Computer, die mich und andere ersetzt haben, überhaupt ernähren sollen?“

Während er noch diese Fragen an sie stellte, war Frau Müller aufgesprungen und hatte sich mit dem Rücken zur Wand in die äußerste Ecke des Zimmers gestellt. Die Tür sprang auf und herein trat der Bullige mit den Ringen an den Fingern und der schweren Metallkette um den Hals. (...)

Aus: Ralf Arnold, Die Behörde in: Axel Klingenberg (Hg.), Maulkörbe

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