| Andreas Neuenkirchen - Die schlechtesten Bücher, die ich nie gelesen habe | Leseproben/Einzelbände |
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Bücher
sollen rezensiert werden, und es sollen auch noch die schlechtesten eines
Jahrhunderts sein, ein veritabler Anti-Kanon sozusagen. Die Beweggründe
liegen auf der Hand, nämlich in der Bequemlichkeit: Ein Verriss ist
schnell geschrieben und schön zu lesen, mit der Artikulation des
Destruktiven tut sich der zornige junge Mensch leichter als mit der
Artikulation des Konstruktiven. Außerdem eint die gemeinsame Ablehnung
viel verlässlicher als die gemeinsame Zuneigung, denn die macht nur
eifersüchtig: „Ich kannte das aber schon, bevor alle das cool
fanden!“
Aber
wie sang Bernadette Hengst schon 1993 in ihrer Eigenschaft als Sängerin
der Gruppe Die Braut haut ins Auge: „Der langweiligste Junge, den
ich traf, war der, den ich nicht traf, weil er mich überhaupt nicht
interessierte.“ Bücher sind in dieser Hinsicht den Jungs sehr ähnlich.
Wer
liest schon schlechte Bücher? Bücher sind schließlich nicht so schnell
konsumiert wie Filme, Schallplatten, Theaterstücke oder wie der ganze
andere Scheiß heißt. Man merkt es rechtzeitig, wenn ein Buch schlecht
ist, und hört frühzeitig damit auf. Klappe zu, Affe tot. Reicht es, ein
Buch bloß angelesen zu haben, um sich als dessen Richter aufzuspielen?
Klar
reicht das. Ist ja nur Spaß, und wahrscheinlich liest das sowieso wieder
kein Schwein. Die Literaturwissenschaft ist ohnehin keine exakte.
Manche
Bücher versuchen es immer wieder. Man legt sie einmal wutschnaubend weg,
und ein Jahr später hat man sie doch wieder vor der Nase, weil man denkt:
Womöglich war ich damals noch nicht würdig, ich bin jetzt viel reifer,
aus dem kleinen Mädchen ist eine junge Dame geworden.
Das
klappt aber nie. Der Wüstenplanet von Frank Herbert beispielsweise
ist alle Jahre wieder so zäh wie eh und je. Ein endloses Défilé öder
Knalltüten unter sengender Sonne. Statt Der Wüstenplanet zu
lesen, sollte man lieber den Film Im Land der Raketenwürmer
schauen; der ist so ähnlich, nur ohne die langweiligen Stellen.
Der
Wüstenplanet ohne Raumschiffe heißt Der Herr der Ringe und
ist auch nicht viel besser. Höchstens ein bisschen. Ich lese darin seit
18 Jahren (Zahl seriös berechnet, nicht polemisch geschätzt) mit
graduell schwindendem Interesse, habe mir aber fest vorgenommen, es zuende
zu bringen, bevor auch der letzte Teil schon in den Kinos lief. Ich möchte
aber jetzt noch keine Prognose abgeben, ob es mir gelingen wird. Der Film
ist bestimmt besser als das Buch, das ist ja meistens so. Bei Naked
Lunch zum Beispiel, ohne dass das ein besonders schlechtes Buch
wäre. Im Oeuvre William Burroughs womöglich eines der besseren, aber was
will das schon heißen. (Bezeichnenderweise ist der daraus gewordene Film
im Oeuvre des Regisseurs David Cronenberg einer der schwächeren.) Cut-up-Technik.
Wenn ich das schon höre. Wenn man Texte auseinanderschneidet und
anders zusammensetzt, steht da was Anderes als vorher. Irre Erkenntnis.
Darauf hätte auch ein debiler Junkie kommen können. Oh, ich vergaß,
darauf ist ein debiler Junkie gekommen. Überhaupt, diese
Beat-Generation. Kann man doch quer durch die Bank in der Pfeife rauchen,
diese quengeligen Vorläufer der Popliteraten.
Wissen
Sie, was ich an der Beat-Literatur wirklich schätze?
GAR
NICHTS!!!
Tschuldigung,
es geht wieder. Sicherlich, so eine Entgleisung entfaltet ihre Wirkung auf
der Bühne besser als auf dem Papier, aber was will man machen. Da wäre
man ja schon fast bei Slam-Poetry, und da wollen wir nun wirklich nicht
hin, aus dem Alter sind wir raus, ich mag gar nicht dran denken,
geschweige denn drüber schreiben.
Es
ist ziemlich traurig mit anzusehen, wenn Schriftsteller aufschreiben,
welche Musik sie gerade hören und welche Fernsehserien sie früher
gesehen haben und dann ‚Roman’ aufs Deckblatt schreiben. Noch
schlimmer ist es aber, wenn sie ganz explizit ihre Autobiografie
verfassen. Ein Schriftsteller unterscheidet sich von richtigen Menschen
vor allem dadurch, dass er sich auf seinen Hosenboden setzt und sich Dinge
ausdenkt, anstatt Dinge zu erleben. Das Leben eines Schriftstellers hat
gefälligst unspektakulär zu sein, sonst macht er etwas verkehrt.
Nachzulesen in John Irvings Autobiografie Die imaginäre Freundin,
in der rein gar nichts passiert. Aber macht nichts, das soll kein diss
sein, Irving ist schließlich my main man from the East Coast, bi-atsch.
Er hat vor Verfassen seiner Biografie gleich gesagt: „Kinder, das wird
langweilig!“ Aber seine Fans immer: „Buhuhuhu! Aber wir wollen eine
Autobiografie! Buhuhuhu!“ Und er dann so: „Okay, aber sagt hinterher
nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.“ Es kam, wie es kommen musste, und
wir waren selbst schuld.
Paul
Auster hätte uns auch ruhig vorwarnen können, aber dafür war sich der
Herr wohl zu fein. Seine Autobiografie Von der Hand in den Mund ist
der beste Beweis, dass es manchmal klüger ist, sich mit dem Verfassen von
Fiktivem zu begnügen und ansonsten den Ball flach zu halten. Aber Auster
inszeniert sich gerne als frankophiler Schriftstellerdarsteller mit
Zigarillo, Weinglas, Bücherregal, dichtender Gattin und klobiger
Schreibmaschine. Darüber konnte man lange Zeit hinwegsehen, denn seine Bücher
waren gut. Und dann musste er mit Von der Hand in den Mund auf
einen Schlag alles versauen. Man wird nie wieder eines seiner Werke ohne
Ansehen der Person lesen können. Einer der einst Allergrößten ist uns für
immer genommen, da kann sich auch gleich jemand ein Herz fassen und mit
dem dicken Kopfkissen kommen. Von der Hand in den Mund ist ein
selbstgefälliges 151seitiges „Wir hatten ja nichts, damals!“-Klischee,
aufgeplustert mit fast 300 Bonusseiten Jugendsünden, die wirklich keinen
was angehen. Das wollten wir alles gar nicht wissen. Am Widerwärtigsten
wird Austers leider nicht innen gebliebener Monolog immer dann, wenn er
dem Einfachen Mann in den Arsch kriecht. Klempner, Matrosen, wohnungslose
Alkoholiker – das seien ja die wahren Weisen, will uns der Autor für
bare Münze verkaufen, total romantisch, wie einfach und doch glücklich
die leben. Piff-paff,
Paul. Dann geh doch rüber.
Iggy
Pop, der große konservative Alterspräsident des Punk-Rock, sagte einst:
„Die Luschen von heute, die von allem Ahnung haben, die wissen nicht
mal, wie man kotzt.“ Und genau darauf kommt es doch an. Egal ob
Klempner, Matrose, Berber, Hörgeräteakustiker oder Schriftsteller –
man sollte zumindest wissen, wie man kotzt. Man sollte aber tunlichst
vermeiden, über nichts Anderes zu schreiben.
Aus: Axel Klingenberg und Andreas Reiffer (Hg.): schäbige schriften. sogenannte klassiker des 20. Jahrhunderts neu gelesen Das ganze Heft gibt's im Shop |